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16. Mai 2017 2 16 /05 /Mai /2017 17:47

„Wir sind nicht Burka“, ließ unser Innenminister knallig und griffig als Merkmal unserer Leitkultur verkünden. Spontan stimmte ich zu; denn mir ist in unseren Breiten noch nie jemand mit Burka begegnet. Ohne darüber nachzudenken, fühlte ich mich durch das „wir“ persönlich angesprochen? Doch wer ist hier eigentlich „wir“? Bin ich überhaupt gemeint?

 

Blicke ich auf mein Berufsleben als Gymnasiallehrer für Katholische Religionslehre zurück, erlebte ich viel öffentliche Ablehnung. Für viele war ich ein konservativer Hinterwäldler, der immer noch an Gott glaubte und damit den Zug der Zeit sang- und klanglos verpasst hatte. Kritik am Christentum war modern. Einen Kardinal als Häuptling einer Kinderfickersekte zu bezeichnen galt als freie Meinungsäußerung, einen Frosch ans Kreuz zu nageln als zeitgenössische, museumsgeeignete Kunst. Das Christentum hatte ausgedient und umgekehrt war jede kritische Bemerkung zum Islam sofort islamophob und zum Judentum antisemitisch und damit  gerichtlich verurteilenswert. Diese beiden Religionen waren in der medialen Darstellung heilig und unantastbar.

 

Dass der Innenminister Religion als Kitt der Gesellschaft sieht und nicht als deren Spaltung, ist für mich nicht nachvollziehbar. Seine Stoßrichtung zielte wohl gegen einen radikalen Islam, der hier in Deutschland die Gesellschaft nach seinen Vorstellungen umerziehen möchte. Dass man laut Innenminister sich hierzulande die Hand gibt, trifft auf die meisten Begegnungen in meinem Alltag überhaupt nicht zu. Das Händeschütteln ist nur gewissen betonten Begegnungen vorbehalten. Wenn sich irgendwelche muslimische Imame oder orthodoxe Rabbis unrein fühlen, sobald sie einer Frau die Hand geben, wird man sie mit einer solchen allgemeingültigen Phrase vom gegenseitigen Händeschütteln nicht umerziehen, entspricht es doch überhaupt nicht ihren Beobachtungen hierzulande.

 

Sie und ihre Anhänger sehen öffentliche Werbung mit mehr als freizügiger Kleidung, obwohl auf der Straße in aller Öffentlichkeit kaum jemand so herumläuft. Dieser Widerspruch unseres öffentlichen Lebens muss ihnen geradezu als irrsinnig ins Auge springen. Wenn die neuen Lehrpläne zur Sexualerziehung die sexuelle Vielfalt predigen, wo alles gleichwertig sein soll, wer mit wem was wann und wie treibt, obwohl etwa drei Viertel aller Kinder aus dem klassischen Vater-Mutter-Kind-Model kommen, was soll ihnen daran begehrenswertes Vorbild oder gar Leitkultur sein? Dass von den auf dem Standesamt eingetragenen Beziehungen gerade mal 0,7% gleichgeschlechtlich sind und dies die Medien als Fortschritt, ja als Beginn eine neuen, revolutionären Epoche feiern, werden sie nur als verschobene Wahrnehmung beurteilen, aber niemals als ein erstrebenswertes Ideal einer modernen Gesellschaft. Schwangerschaftsabbrüche, deren Kosten zum Teil als sogenannter Soziallastenausgleich den Krankenkassen wieder erstattet wird, weil sie die Finanzierung vorstreckten, eheliche und elterliche Bindungslosigkeit zahlreicher Patchworkverhältnisse werden sie nicht höher einstufen als ihre durch feste Traditionen festgezurrten Ehe- und Verwandtschaftsbande, wohl wissend, dass es auch dort Krisen und Brüche gibt, aber eben in geringerem Ausmaß. Lohnenswerte Leitkultur? Nein, Danke!

 

Dass der Innenminister mit seinem Vorstoß zu einer neuen Diskussion um eine Leitkultur auf heftige Kritik stieß, kann ich nachvollziehen. Gar zu grob scheinen mir seine Thesen gestrickt. Es bleibt der bittere Nachgeschmack, dass alles nur dem augenblicklichen Wahlkampf geschuldet ist, nicht aber einer ernsthaften Auseinandersetzung, wer „wir“ sind und wer „wir“ sein wollen.

 

Absterbende Bärlauchblätter als Sinnbild einer welken Gesellschaft.

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Published by Winfried Schley
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  • Niemals in Gleichgültigkeit verfallen, unabhängig davon, was im Leben auf mich zukommt !  
 Ich interessiere mich für alles, was dem friedlichen Zusammenleben der Menschen dient.
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