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Der Mensch
gleicht einem Baum. Wie der Baum will er nach oben wachsen und zugleich im Boden verwurzeln. Wie ein Baum strebt er dem Licht entgegen und verkümmert im Dunkeln. Wie
ein Baum möchte er sich entfalten, sich weit und kräftig der Welt öffnen.
"Sich Zeit nehmen für Stille! Sie haben gut
reden! Wenn Sie wüssten, wie hektisch mein Arbeitstag ist! Für Zeit zur Stille ist da kein Platz! Und abends, abends, da bin ich so müde und erschlagen, dass es gerade noch für ein Bier und einen
Film im Fernsehen reicht zum Abschalten, damit das Einschlafen leichter fällt!", klagte mir neulich ein Mann sein Leid.
Dass er sich genau in diesem Augenblick für etwas ganz Wichtiges Zeit genommen hatte, fiel ihm gar nicht auf. Ohne sich
dessen bewusst zu sein, hatte er sich Zeit genommen, einem andern gegenüber das auszusprechen, was ihn gerade bedrückt. Das hilft besser, als es stumm in sich hineinzufressen. "Geteiltes Leid ist
halbes Leid", weiß der Volksmund.
Doch genau an dieser Stelle wird es heikel. "Wem soll ich meinen Kummer anvertrauen? Dem Nachbarn? Der versteht mich ja doch nicht! Dem Kollegen am Arbeitsplatz? Der hat genug mit sich selbst zu
tun! Den kann ich nicht auch noch mit meinem Kram belasten! Ich bin ja selbst recht froh, wenn ich meine Ruhe habe. Warum soll es beim ihm anders sein? Dem Ehepartner? Die wenige Zeit, die uns
nach Feierabend bleibt, wollen wir nicht auch noch mit Sorgen belasten!"
So stichhaltig diese Gründe sind, sie erzeugen einen Teufelskreis: Es gibt offensichtlich niemanden, dem man ohne schlechtes Gewissen seine Nöte anvertrauen kann.
Viele Menschen denken so und folgerichtig schlucken sie ihre Sorgen einfach runter. Nicht wenige helfen unbewusst mit Zigaretten, Alkohol oder Süßigkeiten nach, damit es besser rutscht. Doch
Magen und Darm wissen sich zu wehren. Der Aussatz unserer Tage zeigt sich nicht mehr in äußeren, sondern in inneren Geschwüren.
Gibt es wirklich niemanden, der immer ein offenes Ohr für mich hat, dem ich nie auf die Nerven falle, dessen dickes Fell so stark ist, dass er sogar meine Wutausbrüche gelassen erträgt?
Gläubige Christen kennen eine solche Person. Sie nennen sie Gott Vater und vertrauen ihr tagtäglich im Gebet ihren Unmut, ihre Last, ihren Hader und ihre Sorgen an. Sie erfahren dabei, dass es
ihnen gut tut, dass ihr seelisches und körperliches Wohlbefinden sich steigert. Das gibt ihnen zusätzliche Kraft für den Tag.
Mittwoch: Still werden
Ein
leidenschaftlicher Jäger berichtete mir, was er so fühlt, wenn er in kristallklarer Winternacht bei bitterer Kälte, warm eingemummt und die Büchse im Anschlag, auf dem Ansitz lauert und auf einen
Fuchs zum Abschuss wartet. Zuerst, so erzählte mir der Bekannte, steige der ganze Ärger des Tages auf, manchmal sogar ein unausgestandener Streit mit einem Arbeitskollegen oder mit jemandem aus
der eigenen Familie. In dieser Zeitspanne müsse er sich eisern beherrschen, nicht laut vor sich hin zu schimpfen, damit er ja nicht unnötig lärme und das Wild vertreibe. Doch habe er diesen
Zeitabschnitt glücklich überstanden, kehre Gelassenheit ein. Und danach, so betonte er, komme der allerwichtigste Augenblick, jener Zeitpunkt nämlich, wenn in ihm drin alles ganz still werde,
feierlich still.
Meist dauere dieser Augenblick wirklich nur wenige Minuten, aber diese wenigen Minuten gäben ihm Kraft für den Alltag. Diese wenigen Minuten
seien für ihn das Kostbarste der ganzen nächtlichen Jagd.
Nun ist nicht jeder Mensch ein leidenschaftlicher Jäger, doch diese Erfahrung der kostbaren Stille ist jedem von uns zugänglich. Dazu braucht man keinen Jägerstand erklimmen, dazu genügt es, sich
ein wenig Zeit zu nehmen. Da ist zum Beispiel die letzte Warteminute an der Bushaltestelle. Zum bewusst tief Durchatmen reicht sie allemal. Selbst ein Stoßgebet hat noch Platz.
Noch im Bus ist bestimmt noch Raum für eine kleine unauffällige Körperübung. "Wie sitze ich da? Wie nehme ich mich selbst wahr? Spüre ich meine Füße in den Schuhen? Fühle ich die Haut, auf der
ich soeben sitze? Womit beschäftigen sich gerade meine Hände?"
So lächerlich mancher Vorschlag sich anhören mag, solche kleinen Übungen helfen, für wenige Augenblicke ganz da zu sein, ganz bei sich zu sein.
Auch am Steuer im eigenen Auto reicht die kurze Zeit für ein Bittgebet, wenn man gerade vor einer roten Ampel warten muss.
Schon kleinste Anfänge genügen, dass man den eigenen Alltag und damit sich selbst ändert. Der erste Schritt, sich neu zu finden, ist damit getan.
Donnerstag: Das Geheimnis des Kerzenlichts
Nichts reizt
Kinder mehr als eine brennende Kerze. Schon Kleinkinder bestaunen andächtig die Kerzenflamme, und manche Mutter hat ihre liebe Not damit, dass ihr Kind nicht in die Flamme fasst, so anziehend
wirkt Kerzenlicht.
Kein Kindergeburtstag, kein festlich gedeckter Tisch, kein vertrautes Beisammensein bei leiser Musik und einem guten Tröpfchen Wein sind denkbar ohne brennende Kerzen. Kerzenlicht haben die
meisten Menschen gern. Kerzenschimmer zaubert Geborgenheit. Kerzenschein verlangt nach Stille.
Nicht umsonst stellen alle großen Religionen der Welt das Kerzenlicht in ihren Dienst.
Im Christentum kennt man die Kerzen am Adventskranz, am Christbaum, brennende Kerzen im Gottesdienst oder am Sarg eines Verstorbenen.
Katholischen Christen vertraut ist zusätzlich das Heilige Licht, eine kleine Öllampe, die vor jenem Ort brennt, an dem das Heilige Brot aufbewahrt wird, und vor dem so mancher in stiller Anbetung
verharrt. In jeder Heiligen Messe brennt die Osterkerze als Zeichen dafür, dass Christus den Menschen Licht in ihre finstere Seelenwelt gebracht hat.
Kerzen helfen dem Menschen, sich in eine andere Welt zu versetzen. Eine Kerze zündet sich rein gefühlsmäßig anders an als ein Gasherd. Man ist innerlich mit einer anderen Stimmung dabei. Zu
staunen, wie der Docht aufglimmt und leise knistert, bis die volle Flamme aufleuchtet und ihren stillen Schein sanft verbreitet, aber die letzten Winkel eines Zimmers
im dämmrigen Dunkel lässt. Ihr Lichtschein engt den Gesichtskreis ein und hilft dem Menschen, bei sich selbst zu bleiben, das lärmende Drumherum, den Rummel des Alltags ein Stück weit
wegzuschieben.
Wer sich im Laufe des Tages ein paar Minuten Zeit nimmt, eine Kerze anzündet und ein wenig vor ihr verweilt, wird - ohne großes Zutun und ohne irgendwelche Worte zu machen - etwas von dem
verspüren, was die Kraft wirklichen Betens ausmacht: Fast ganz von selbst tritt Stille ein. Trost und Erleichterung senken sich ins Herz.
Freitag: Abwechslung tut gut
Nichts hält Leib und Seele besser zusammen als ein gutes Essen, solange man nur nicht zuviel davon zu sich nimmt. Drückt die Mahlzeit auf den
Magen, ist die gute Laune schnell dahin. Wann das rechte Maß erreicht ist, merkt man, wenn Essen Mühe macht.
Samstag: Auftanken
Instinktiv verhält sich Ijob richtig. Er gibt trotz aller Ohnmacht und Ratlosigkeit sein Suchen nach Gott nicht auf, lässt den Kontakt zu ihm nicht abreißen, er betet. Zwar betet er in einer
Form, die gängigen Gottesdiensten fremd ist. Aber er bringt sein Leben und seine Not vor Gott zur Sprache, und das ist zweifellos die ursprünglichste Form von Beten.
Unbemerkt von ihm selbst, beruhigt sich allmählich sein aufgewühltes Inneres. Er
wird wach für die Schönheiten dieser Welt, für die geheimnisvolle Ordnung im Wechselspiel des Wetters, für die Harmonie des Sternenhimmels, dafür, dass jedes Tier auf dieser Welt seinen Platz
hat, eingefügt in ein höheres Ganzes. Er ahnt ein Geheimnis in dieser Schöpfung und verstummt schließlich in andächtiger Stille vor der Macht und Weisheit, die dahinter verborgen
durchschimmert.
Friede kehrt in Ijobs Herz. Nun kann er sich ganz in die Hände Gottes fallen lassen, ganz tief, ganz runter. Von dort aus beginnt seine Heilung, wächst ihm neue Lebenskraft zu. Schritt für
Schritt sehen seine Freunde ein, dass sie ihm Unrecht taten. Ihr Trost, jetzt echt und ohne moralische Überheblichkeit, stärkt ihn. Er kann ein neues Leben beginnen, neu Vermögen und Familie
aufbauen. Nun sieht er über seinen privaten Horizont hinaus und erbittet für seinen Nächsten Gottes Barmherzigkeit. Hochbetagt und satt an Lebenstagen, darf er von dieser Welt Abschied
nehmen.
Beten wendet Ijobs Leben, es klärt sein Bewusstsein, macht ihn aufmerksam und beruhigt ihn. Die innere Wandlung trägt Früchte nach außen. Was er - begleitet vom Gebet - anpackt, wird
gut.
Ihren Blog habe ich zwar erst gestern gefunden, trotzdem bin ich fast schon ein "Fan", und dieser Artikel ist besnders schön, da konnte ich viel für mich herausholen.
Den Vergleich Essen - Gebet finde ich als Ökotrophologin sehr interessant. Mich wundert nur, dass Sie das Frühstück als Beispiel für Abwechslung bringen. Es stimmt schon, dass diese große Auswahl besteht, die Leute treffen aber einmal eine Wahl - sei es Müsli, Marmeladebrot oder eins mit Wurst - und essen das dann jeden Tag. Das kann ich fast jedes Mal beobachten, wenn ich das Ernährungsprotokoll von einem Klienten auswerte. Ist das einfach nur Bequemlichkeit, denn bei Hotelaufenthalten wird ja gern das ganze Frühstücksbuffet durchprobiert? Oder ist es eine Art Startritual für den Alltag?
Noch eine Frage meine Arbeit betreffend: Viele meiner Klienten sagen, sie hätten gesündigt, wenn sie meinen, sie haben zuviel oder das falsche gegessen. Ich habe ein Problem damit, weil Essen für mich grundsätzlich positiv belegt ist. Ich sage in solchen Fällen lieber: Ich habe nicht auf mich achtgegeben, nicht aufgepasst, was mir (noch) guttut. Jetzt muss ich mit den Folgen klarkommen und das ganze wieder auf die Reihe kriegen.
Wie stehen Sie denn dazu?
Liebe Grüße
Im gängigen Sprachgebrauch sagen viele, sie hätten gesündigt, wenn sie zuviel oder Ungesundes gegessen oder getrunken haben. Negativ belegt ist dieser Sündenbegriff immer dann, wenn mehr oder minder starke Schuldgefühle damit verbunden sind, ganz gleich, ob religiöse Vorschriften oder frühkindliche Erziehungsmuster verletzt wurden oder ob körperliches Unbehagen ein fehlgeleitetes Ess- oder Trinkverhalten signalisiert.
Aus christlich-theologischer Sicht liegt ein sündiges Verhalten dann vor, wenn sich der Mensch, der ja von seiner Zeugung an ein gottgewolltes Wesen ist, seine von Gott beabsichtigte, ureigene Identität aus eigener Schuld verfehlt. Wer also mit Messer und Gabel seinen Selbstmord auf Raten betreibt, ist sicher auch in diesem theologischen Sinne ein Sünder.
Ganz und gar nicht als Sünder fühle ich mich, wenn ich heute abend zusammen mit meiner Frau eine Flasche französischen Rotwein genieße; denn nirgends in der Bibel steht geschrieben, dass die guten Sachen nur für die Sünder sind.
Mit freundlichen Grüßen
Winfried Schley