Freitag, 23. mai 2008
Südliche Sonne unter strahlend blauem Himmel am französischen Mittelmeerstrand versprach einen wunderschönen Urlaubstag. Doch es sollte anders kommen! Noch schaute ich zufrieden aus dem Fenster und plötzlich stutzte ich. Irgendetwas stimmte mit meinem Auto nicht. Es dauerte eine beträchtliche Weile, bis mein Kopf verarbeitet hatte, dass das hintere Autokennzeichen fehlte! Deutlich waren die Fingerabdrücke des Täters auf der staubigen Karosserie zu sehen. Er hatte von unten das Kennzeichen samt Plastikrahmen einfach aus der Schraubenbefestigung gerissen.

Ich tippte spontan auf nächtlichen jugendlichen Übermut. Französische Nachbarn verneinten dies und wiesen auf organisierte Banden hin, die sich für geplante Raubüberfälle ausländischer Kfz-Kennzeichen bedienten, um bei der Flucht eine falsche Spur zu legen. Deshalb genüge es auch, nur das hintere Schild zu verwenden, da man einem Fluchtfahrzeug bekanntlich nachschaue. Sie kannten auch gleich einige parallele Fälle während der letzten Tage.

Da ich natürlich, obendrein noch im Ausland, ohne Autokennzeichen, nicht fahren konnte, schien mir eine Anzeige bei der Polizei unerlässlich.  Am Telefon erwähnte eine weibliche Stimme irgendetwas von Gendarmerie. Doch ich begriff nicht sofort, was gemeint war. Erst als meine Frau und ich in der Amtsstube im Rathaus der Polizei unser Schicksal erzählten, wurden wir aufgeklärt, dass dies ein Fall für die Gendarmerie sei. Zum ersten Mal in unserem Leben wurde uns bewusst, dass in Frankreich Polizei und Gendarmerie nicht ein und dasselbe sind. Also nichts wie hin zur Gendarmerie. Dort tippte dann ein freundlicher Gendarm unsere Diebstahlmeldung in seinen Computer, erwähnte nebenbei, dass die Einsatztruppe, die die Fingerabdrücke sicherstellt, zur Zeit bei einem Einsatz unterwegs wäre und damit nicht für die Spurensicherung an unserem Fahrzeug zur Verfügung stünde. Weitere Diebstahlfälle von Nummernschildern waren ihm nicht bekannt. Ihn schien der Fall und das Gerede der Leute darüber eher zu belustigen. Dennoch verlief das Gespräch mit ihm sehr angenehm, weil sich herausstellte, dass er seine früheren Dienstjahre in unserer französischen Partnerstadt verbracht hatte. Er empfahl uns, bei einer Autowerkstatt ein neues Nummernschild herstellen zu lassen. Nach etwa einer Stunde entspannter Gesprächsatmosphäre verließen wir um ein Anzeigeformular reicher sein Büro. Nun hatten wir wenigstens eine aktenkundige Polizeimeldung für den Grenzübergang bei der Heimfahrt, falls die Grenzbeamten uns nicht so ohne weiteres passieren lassen sollten. Schließlich würde auf einem erneuerten Kfz-Kennzeichen der in Deutschland übliche TÜV-Stempel fehlen.

Beim empfohlenen Autohändler ließen wir ein provisorisches Nummernschild mit unseren deutschen Buchstaben und Ziffern stanzen. Die Nationalität F statt D ließ sich allerdings nicht anpassen, da sie auf den noch leeren Schildern schon serienmäßig vorgefertigt war.

Stolz zeigte uns der Mechaniker sein Ergebnis. Mich traf fast der Schlag! Er hatte gemäß französischer Tradition das hintere Nummernschild in Gelb hergestellt. Doch für Deutschland brauchte ich ein weißes! Aber sein Chef wusste sofort Rat, schrieb auf die Rückseite des gelben Nummernschildes „ A notre amitié fanco-allemande. Vive l’Europe!“ (Auf unsere deutsch-französische Freundschaft! Es lebe Europa!)  und gab sofort ein weißes in Auftrag. Selbstverständlich überließ er uns das gelbe umsonst!

So verbrachten wir unseren restlichen Urlaub mit einem deutschen  Nummernschild vorn und einem französischen hinten als wohl erstes deutsch-französisches Auto. Aufmerksamen Spaziergängern, die an unserem parkenden PKW vorbeischlenderten, entging dies natürlich nicht und so entspann sich manches heitere Gespräch.

Wenige Tage nach diesem Diebstahl besuchte uns unsere Tochter, der wir natürlich stolz unser brandneues Kfz-Kennzeichen à la France zeigten. Am Meeresstrand erzählte sie unser Missgeschick jenen Jugendlichen der Stadt weiter, die sie ja von klein auf kannte.

Wie ein Lauffeuer musste sich nun wohl die Geschichte unseres gestohlenen Nummernschildes verbreitet haben; denn wie überrascht waren wir, als kurze Zeit danach einer unserer Nachbarn mit unserem gestohlen geglaubten, deutschen Nummernschild samt Plastikrahmen auftauchte und uns erzählte, dass er es an eine Gartenmauer angelehnt in unserer Nachbarschaft gefunden habe.

So ließen wir das wieder erlangte echte gegen das französische Duplikat beim gleichen Garagisten zurücktauschen. Der grinste  nur, pfiff kurz durch die Lippen und dachte sich seinen Teil; denn eine erneute Rechung stellte er nicht. (Dafür bekam der Monteur von mir ein angemessenes Trinkgeld.)

Somit verließ unser Auto Frankreich im gleichen Zustand, wie es drei Wochen zuvor eingereist war, und niemand in Deutschland hat jemals bemerkt, wie wir über einige Tage hinweg zwar symbolträchtig, aber nicht ganz gesetzeskonform, ein deutsch-französisches Auto fuhren.


von Winfried Schley - veröffentlicht in: Städtepartnerschaft - Community: Städtepartnerschaften
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