Sunday, 25. december 2011 7 25 /12 /Dez. /2011 10:39

krippe.jpgAlle Jahre wieder bekommen in der Vorweihnachtszeit die Journalisten ihr soziales Gewissen, beklagen den Einkaufsrummel und rufen zu Spendenaktionen für Bedürftige ihres Einzugsgebietes auf.


Aber nicht einer scheint die Vision des Propheten Jesaia zu kennen: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Seine Herrschaft ist groß, und der Friede hat kein Ende.“ (Jes 9, 5f).


Nirgends sonst spricht das Alte Testament von einem Menschen, genauer von einem Kind,  und bezeichnet es als starken Gott, Vater in Ewigkeit. Was Jesaia sich dabei gedacht hat? Hatte er ein konkretes Kind im Blick? Die Bibel übernimmt hier eine Vision vom wahren und endgültigen Frieden, die weit über den historischen Augenblick hinaus in eine geheimnisvolle Zukunft reicht.


Das Evangelium nach Lukas im Neuen Testament greift diese Friedensvision erneut auf, spricht von einem gewickelten Kind in einer Futterkrippe, lässt Hirten, den Ärmsten der Armen in der damaligen Zeit, von Engeln verkünden: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden Frieden den Menschen seiner Gnade.“ (Lk 2,14)


Der Apostel Paulus setzt diesen Gedanken in seinem Brief an Titus fort: „Als aber die Güte und die Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet  ... durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist. Ihn hat er in reichem Maße über uns ausgegossen durch Jesus Christus, unseren Retter, damit wir durch seine Gnade gerecht gemacht werden und das ewige Leben erben, das wir erhoffen“ (Tit 3,4-7).


Diese neue, tröstende Gewissheit in Gestalt eines Neugeborenen geschenkt bekommen, ist, kurz gefasst, das Wesen von Weihnachten.


Als im Jahr 1223 Franz von Assisi in Greccio Weihnachten feierte mit lebenden Krippenfiguren samt Ochs und Esel und mit einer mit Heu gefüllten Futterkrippe, wurde Weihnachten „das Fest aller Feste“, wie er es nannte. Er hatte damit in einer ganz neuen Tiefe das Menschsein Jesu entdeckt; denn für die alte Kirche war das Fest der Feste Ostern. In der Auferstehung hatte Christus die Türen des Todes aufgestoßen und so die Welt von Grund auf verändert. Der Mensch bekam seinen Platz in Gott.  Die Auferstehung aber setzt die Menschwerdung voraus. Gottes Sohn als Kind, als wirkliches Menschenkind – das hatte Franziskus zuinnerst getroffen und Glaube zu Liebe werden lassen. Damit konnte man Gott gewissermaßen in dem Kind im Stall zu Bethlehem anfassen und liebkosen, einfach lieb haben. So erhielt das Kirchenjahr eine zweite Mitte im Weihnachtsfest als dem Fest des Herzens, als Gegenpol zu Ostern, dem Fest der Hoffnung auf ein ewiges Leben bei Gott.

von Winfried Schley - veröffentlicht in: Religion - Community: Christ sein
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