Monday, 26. december 2011 1 26 /12 /Dez. /2011 18:06

klinge.jpg„Morgen gehen wir zu deiner Tante ins Dorf. Da wird es ein großes Fest geben. Dann wirst du endlich eine junge Frau werden und kannst verheiratet werden.“  Hinter diesen verschleiernden Worten verbirgt sich die  in Kenia verbotene Genitalverstümmelung. Sie ist so fest in den Köpfen verankert, dass Politik, Justiz, Verwaltung und Polizei nur dann nicht wegschauen, wenn sie direkt zum Handeln, z.B. von kirchlicher Seite, dazu aufgefordert werden.
 
Eine, die sich nicht scheut, dieses Tabu zu durchbrechen, ist die katholische Loreto-Schwester Dr. Ephigenia W. Gachiri, selbst eine der 150 Millionen beschnittenen  Frauen. Täglich fallen noch etwa 6 000 Mädchen weltweit diesem schmerzhaften und gefährlichen Ritual zum Opfer. Das zu ändern, darin sieht diese Schwester ihre Aufgabe. Sie geht in die Schulen, spricht oft als einzige zu den Mädchen offen über die gesundheitlichen Risiken dieser Beschneidung und klärt auf: „Es gibt keinen Grund für die Beschneidung. Gott hat euch so schön und so vollkommen geschaffen, ihr seid nicht unrein, ihr müsst nicht beschnitten werden.“ Dabei weiß sie nur zu gut, dass viele Mütter ihre Tochter verstoßen, wenn diese vor der  Beschneidung flieht, weil das in den traditionsbehafteten Köpfen der Mütter eben zu einer richtigen und ehrenwerten Frau gehört.

Klug durchdacht erfand sie ein alternatives Fest, mit dem der Initiationsritus vom Mädchen zur Frau ohne Beschneidung gefeiert wird.  Es beginnt mit einem Workshop für die Familien über die Würde der Frau und ihren weiblichen Körper. Den Höhepunkt bilden ein großes Festmahl und eine Eucharistiefeier, bei der der Priester am Ende des Gottesdienstes die Mädchen feierlich zum Altar ruft: „Ich segne euch im Namen Gottes.“  Mit einer Urkunde wird offiziell der Status einer unbeschnittenen und dennoch vollwertigen Frau vor der versammelten Gemeinde besiegelt.

Seit fünf Jahren beschreitet Schwester Ephigenia diesen Weg und bewahrt inzwischen die Hälfte aller Schulmädchen vor der Genitalverstümmelung. 15 000 Mädchen  möchte sie 2012 mit ihrer Kampagne erreichen. Als Nonne in Tracht gilt sie als Repräsentantin einer weltweiten Institution, hier der Katholischen Kirche, und ist damit anerkannter Gesprächspartner für die staatlichen Institutionen Kenias und kann auf die Einhaltung von Gesetzen pochen. Als promovierte Frau mit Doktortitel hat ihre Aufklärung Autorität. Als gläubige Christin verkündet sie eine von Gott gewollte Weiblichkeit. Als praktizierende Christin hat sie ein sicheres Gespür für sinnstiftende Rituale, die die angestammten sozialen Rollen behutsam verändern. Von Deutschland aus wird sie finanziell von missio in Aachen unterstützt und so mancher Christ begleitet sie mit seinem Gebet.

Quelle: kontinente Januar/Februar 2012

von Winfried Schley - veröffentlicht in: Religion - Community: Christ sein
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