Thursday, 9. february 2012 4 09 /02 /Feb. /2012 11:22

Gesetzesinitiativen für den Mutter- und Säuglingsschutz, die Aus- und Weiterbildung der Frauen, gleicher Lohn für Frauen und Männer muten wie moderne Gesetzentwürfe an. Stutzig wird man erst beim Gesetzesentwurf zu den Rechten der Hausgehilfinnen. Dann erst merkt man, dass es sich um Gesetzesinitiativen handelt, die vor etwa hundert Jahren die einzige Frau der österreichischen Nationalversammlung eben dort eingebracht hat. Soweit war sie ihrer Zeit in ihrem Empfinden für Gerechtigkeit voraus. Als Abgeordnete setzte sie mit sozialpolitischen Mitteln fort, was sie zuvor über verschiedene Vereine karitativ angepackt hatte, nämlich Frauen und Kinder aus der Heimarbeit befreien, Mädchen, die aus reiner Not zur Prostitution getrieben wurden, eine Ausbildung ermöglichen. Klar sah sie die Schuld der wohlhabenden, großbürgerlichen Schicht, zu der sie selbst gehörte: „Nur zu oft ist es die wohlhabende Frau, die die Kaufleute zwingt, zu unmöglichen Bedingungen zu liefern, und dies geschieht immer auf Kosten der armen Heimarbeiterinnen.“

Aufgewachsen ist Hildegard Burjan in einem religionslosen jüdischen Elternhaus. Mitte zwanzig ließ sie sich katholisch taufen, weil sie, die schwer Erkrankte, die aufopfernde Pflege der Schwestern nachhaltig beeindruckte: „So etwas wie diese Schwestern kann der natürliche, sich selbst überlassene Mensch nicht vollbringen.“ So war ihr eigenes soziales Engagement von einem tiefen Glauben an einen Gott geprägt, der sich den Menschen zuwendet, die bereit sind umzukehren und neu anzufangen. Das färbte auch auf ihren Ehemann ab, der sich ebenfalls taufen ließ. Ihr Gottvertrauen war so groß, dass sie entgegen dem Rat der Ärzte ihre Tochter unter Lebensgefahr zur Welt brachte.

Dass die Katholische Kirche sie am 29. Januar 2012 selig sprach, d.h. sie feierlich zum leuchtenden Vorbild erklärte, wie man Christi Willen in dieser Welt erfüllen kann, zeigt, dass man auch in der Politik als gläubiger Christ seinen Weg finden kann, ein Beispiel, dass sich so mancher moderne Politiker zu Herzen nehmen sollte. Als einziger Wehrmutstropfen für mich an dieser Ehrung bleibt, warum die Katholische Kirche so lange mit dieser Seligsprechung gebraucht hat.

Quelle: CIG Nr. 6/2012 S.64-65

von Winfried Schley - veröffentlicht in: Religion - Community: Christ sein
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