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20. Oktober 2016 4 20 /10 /Oktober /2016 09:06

 

Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen, weiß der Volksmund. Fährt einer mit der Deutschen Bahn, hat er was zu jammern. Zumindest mir ist bis jetzt noch keiner begegnet, der hier kein Klagelied anstimmt.

 

Doch seit meinem letzten Erlebnis mit dieser Einrichtung keimt in mir der Verdacht, dass dies vorsätzlich gewollt ist. Harmonie verblödet, nur Erregungspresse zählt. Über wen alles meckert, der ist in aller Munde und damit notgedrungen ins Bewusstsein eingehämmert. Das erhöht den eigenen Bekanntheitsgrad ungemein.

 

Am 14. Oktober 2016 bekam ich am DB-Informationsstand des Münchners Flughafens die Auskunft, dass ich um 16: 44 Uhr mit der S-Bahn nach München Passing fahren solle, wo ich 13 Minuten später in den ICE 1000 nach Nürnberg umsteigen könne. Diese S-Bahn (S8) erlebten meine Frau und ich als gerammelt voll. Obwohl die vielen Menschen dort sehr diszipliniert und zügig ein- und ausstiegen, zerrannen die Minuten für den Anschlusszug und zerrten an unseren Nerven. Im Laufschritt ging es mit unseren beiden Koffern von Bahnsteig 7 nach Bahnsteig 10, wo wir um 17:47 Uhr ankamen. Zu unserem Glück war der ICE 1000, der eine Minute später dort abfahren sollte, noch gar nicht angekommen. Mit einer ausnahmsweisen Verspätung hat das nichts mehr zu tun. Hier wird an der wahren Verkehrslage vollkommen vorbei geplant.

 

Hochmodernes, geräuscharmes Abteil mit geräumigen Sitzen – leider ohne WLAN – beruhigten unsere Nerven, was durch das Fahrplanfaltblatt, das vor uns auf dem Tischchen lag, noch verstärkt wurde. Die dort erwähnte Ankunftszeit in Nürnberg um 19:29 Uhr schenkte uns fünf Minuten mehr Umsteigezeit als der vom Flughafen-Infostand ausgedruckte Plan. Dass beide Pläne nicht der Wirklichkeit entsprachen, merkten wir während der letzten Fahrminuten. Dennoch tröstete uns die Lautsprecherdurchsage, dass alle Anschlusszüge erreichbar seien. Das war eine glatte Lüge.

 

Nichts Gutes ahnend warteten wir als Erste an der Tür zum Ausstieg und rannten mit unseren Koffern, so rasch es ging, von Bahnsteig 6 nach Bahnsteig 15. Nur eine jüngere Frau ohne Gepäck hielt mit uns Schritt. Pünktlich um 19:39 Uhr fuhr der IC 2060 ab, doch ohne uns. Die Türen waren bereits verschlossen. Nicht eine Minute Warten auf den Anschlusszug scheint heutzutage mehr möglich.

 

Darüber beschwerte ich mich am Informationsschalter bei einer jungen Dame, die mir mit einem ungerührten „Ich weiß.“ ein Kärtchen in die Hand drückte, wohin ich mich wenden müsse. Damit war ich alter Nörgelbär fürs Erste erfolgreich abgewimmelt.

 

Besagtes Kärtchen enthält eine kostenpflichtige Service-Nummer, den Link einer sehr umständlich aufgebauten Internetseite und eine Postadresse in Bamberg. Offensichtlich will man den Bahnkunden testen, wie viel Zeit und Geld ihm das Ablassen seines Ärgers wert ist.

 

Zu meinem Glück besitzt der Bahnhof Nürnberg einen Telekom-Hotspot, den ich als Telekom-Kunde kostenlos nutzen kann. Ich rate der DB dringendst, diesen Vertrag mit der Telekom schleunigst zu kündigen. Versetzt er doch manche Bahnkunden in eine für ihn unschätzbare Vorteilslage. Die Internetsuche wegen Entschädigung führte mich auf eine Seite des FOCUS, die auf ein Formular für Beschwerden hinwies. Flugs suchte ich besagte junge Dame am Informationsschalter erneut auf. Sie hatte kein Beschwerdeformular. Ich zückte mein Smartphone und plötzlich hatte es die Angestellte sehr eilig: „Sie meinen ein Fahrgastrechte-Formular?“ Ich meinte. Sie kramte ein rosarotes Ausfüllformular samt einem Umschlag hervor, voradressiert an ein Servicecenter Fahrgastrechte Frankfurt am Main und nicht Bamberg wie auf dem Kärtchen, und überreichte mir beides. Warum nicht gleich so?

 

Hat man diese beiden verschiedenen Anlaufstellen von Kärtchen und Umschlag absichtlich getrennt erfunden, um den Kunden zeitaufwändig ins Leere laufen zu lassen?  Meine Laune sank auf einen neuen Tiefpunkt. Ich blätterte mein Smartphone abwärts und zitierte der guten Frau jenen Textabschnitt, der erwähnte, dass ich jemanden bräuchte, der mir diese Zugverspätung bescheinige. Das Personal der beiden abgefahrenen Züge käme dafür wohl nicht mehr in Frage. Ob sie das denn nicht übernehmen könne? Sie blickte auf den Bildschirm ihres Computers, den ich selbst nicht einsehen konnte,  und meinte nach ein paar Klicks: „Diesen Anschlusszug konnten Sie wirklich nicht mehr erreichen.“ Wie sinnig! Das hatte ich ja gerade selbst erlebt. Ich bat sie um eine Bescheinigung darüber und erwartete einen Ausdruck der verschobenen Fahrzeiten. Doch weit gefehlt! Die junge Dame kramte erneut. Diesmal holte sie ein Bescheinigungsformular hervor. Handschriftlich trug sie vier Minuten Verspätung und jene Ankunftszeit ein, die dem Ausdruck vom Flughafen-Infostand entsprach. Der Wahrheitsgehalt dieser Notiz entzieht sich meiner Überprüfung. Sie unterschrieb das Formular und stempelte es ab. Jugenderinnerungen an die Dampfbahnzeit stiegen in mir hoch. Wie glücklich schienen mir damals die Beamten am Schalter, wenn sie abstempeln durften.

 

Eine letzte Frage konnte ich mir dennoch nicht verkneifen: „Weshalb konnte der Anschluss-IC nicht wenigstens, wie früher üblich, noch ein wenig warten, zumal der Zugführer diese Anschlussmöglichkeiten ankündigte?“ „Früher gab es eine Aufsicht, die darüber entschied, doch die sei abgeschafft. Der Zugführer selbst sei mit seiner Falschaussage wohl nicht korrekt informiert gewesen.“, antwortete sie mir.

 

„Wegrationalisiert zu Lasten des Bahnkunden“, schimpfte ich still in mich hinein. Aber ich sollte eines Besseren belehrt werden. Verkündete doch der Bahnsteiglautsprecher: „Der Regionalzug  RE 19928, Abfahrtszeit um 20:37 Uhr, müsse leider 14 Minuten länger auf Anschlusszüge warten.“ Ich war sprachlos. Also gibt es doch noch so etwas wie eine Aufsicht, die obendrein noch kalkulieren kann. Für Weiterreisende auf der Bahnstrecke Nürnberg – Stuttgart war dies die letzte Möglichkeit an diesem Tag. Ersatzansprüche an die DB wären in diesem Fall recht teuer gekommen. Wenn es dicke ans Geld geht, dann geht es eben doch, auch bei der Deutschen Bahn.

 

Wie schon oben erwähnt, wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen. Fährt er dabei gar mit der Deutschen Bahn, hat er sicher was zu jammern. Die wollen das offensichtlich so und schulen ihr Personal entsprechend. Anders kann ich  mir ein solches Schmierentheater nicht erklären.

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Published by Winfried Schley - in sonstiges
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Kommentare

Winfried Schkey 10/24/2016 11:42

Auszug aus einer E-Mail an mich:
Du sprichst mir voll und ganz aus der Seele, was das Schmierentheater mit der Deutschen Bahn anlangt. Deine Beschreibung ist die DB oder neudeutsch "Die Bahn", wie sie leibt und lebt.

Das Schicksal der Fahrgäste ist den Verantwortlichen bis hin zum fahrenden Personal vollkommen gleichgültig und zur Not werden die Fahrgäste auch noch frech belogen oder in die Irre geführt, z.B., wenn die Fahrgäste wegen einer Weichen- oder Signalstörung aus dem Zug geschmissen werden und im Zug heißt es, "am Bahnhof wartet bereits der SEV (Schienenersatzverkehr) oder einige Taxen".

In Münster gibt es einen sog. DB-Kundendialog. Meine wiederholt schriftlich gestellte Frage, warum die DB bei Zugausfällen die Fahrgäste nicht wenigstens auf Alternativen der Zielerreichung aufmerksam machen kann, ist bis heute unbeantwortet geblieben. Lediglich der lapidare Hinweis, die DB werde alles tun, den Fahrplan einzuhalten und den Beförderungsauftrag zu erfüllen - den habe ich in mehrfacher Ausfertigung.

Wenn Züge ausfallen - was bei eingleisigen Strecken offenbar besonders häufig vorkommt, man will ja später wieder den Fahrplan einhalten -, wird lediglich um Entschuldigung gebeten; wenn ein ertappter Schwarzfahrer ohne Ticket um Entschuldigung bittet, ist das eine Straftat und führt zu einem Strafverfahren...

Dennoch will ich mir in einem Land wie NRW mit über 18 Mio Einwohnern, mehr als 10 Mio Pkw`s nur in NRW, unzähligen Baustellenampeln etc., einem viel zu dichten Autoverkehr, stinkender Autoabgase und einer allseits bekannten Klimakatastrophe vorerst kein neues eigenes Auto zulegen, da ich zur Not auf Busverbindungen ausweichen kann.

Wie Du bemerkt haben wirst, bei der DB rechne ich jederzeit mit Pannen und Problemen. Seit den unzähligen Streiks der Gewerkschaft GdL, die sich möglicherweise absehbar wiederholen werden, ist für mich die Bahn ein reiner Entschuldigungs- und Streikverein.

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 Ich interessiere mich für alles, was dem friedlichen Zusammenleben der Menschen dient.
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